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Predigt in
der Eberhardskirche zu Johannes 17, 1-5 am Palmsonntag 2007 anlässlich
der ökumenischen Palmprozession (Heinrich Braunschweiger)
Mit dem Palmsonntag treten
wir ein in die Leidensgeschichte unseres Herrn. Das Entscheidende in dieser
Geschichte geschieht ohne uns und außer uns.
Darum hat der Evangelist Johannes als Eingangstor zur Passionsgeschichte
ein Gebet gestellt.
Es ist eigentlich ein Selbstgespräch Gottes. Gott, der Sohn, redet
zu Gott, dem Vater.
Zuvor hat er mit seinen Jüngern geredet. Sein letztes Wort hieß:
"In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt
überwunden." Damit ist nun alles gesagt, was vor seinem
Abschied noch zu sagen war: "Seid getrost, ich habe die Welt überwunden."
Und nun gilt nur noch das, was zwischen ihm und seinem Vater sich abspielt.
Das, worum der Sohn seinen Vater bittet, das gilt und das geschieht. Denn
Vater und Sohn sind eins. Und Größeres gibt es nicht.
Lesung aus dem Evangelium
des Johannes 17,1-5:
"So redete Jesus, und
hob seine Augen auf zum Himmel und sprach:
Vater, die Stunde ist da. verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich
verherrliche; denn du hast ihm Macht gegeben über alle Menschen,
damit er das ewige Leben gebe allen, die du ihm gegeben hast.
Das ist aber das ewige Leben, daß sie dich, der du allein wahrer
Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.
Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir
gegeben hast, damit ich es tue.
Und nun Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit, die
ich bei dir hatte, ehe die Welt war."
Liebe Brüder und Schwester,
liebe Gemeinde!
Wir treten hier ein in eine
dichtere Wirklichkeit, in ein heiliges, ein brennendes Gespräch.
Selten stehen wir auf einer solchen Höhe wie mit diesem Text: mit
diesem Atem raubenden Gebet Jesu Christi.
Es gibt Texte, in denen man sozusagen gleich zuhause ist. Texte, in die
man sofort hineingenommen ist.
Hier aber spüre ich Unnahbarkeit. Mir kommt jenes Wort in den Sinn,
das Mose aus dem brennenden Dornbusch das Halt entgegenrief: "Ziehe
deine Schuhe aus! Denn das Land, auf dem du stehst, ist heiliges Land."
Es gilt also jetzt, alles abzulegen,
gleichsam auszuschalten, was den Klangraum dieses Textes, dieses heiligen
Gesprächs verunreinigt.
Hier in Johannes 17 werden
wir Zeugen des Ewigen, Zeugen des tiefsten Mysteriums der Welt. Zeugen
dessen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Zeugen davon, daß
von der höchsten Höhe aus regiert wird.
Und auf diese Höhe werden wir jetzt hinauf gezogen, dürfen wir
gleichsam einen Blick tun in das Herz Gottes, in die ewige Wahrheit, in
die wahre Wirklichkeit, die dem sinnlichen Auge verborgen und dem menschlichen
Verstand verschlossen ist.
Wer nur seinen Augen traut und auf seinen Verstand baut, der wir jetzt
unten bleiben,
dort, wo nur scheinbar das Entscheidende geschieht, wo scheinbar Geschichte
gemacht wird, wo der Mensch mit seiner Vernunft, seiner Angst und seinem
verzweifelten Mut scheinbar allein ist.
Dort, wo wenig später sich die Außenseite der Passions-geschichte
abspielen wird.
Wo verraten und verleugnet, verurteilt und gefoltert, geweint und gelitten
wird -
als ob es keinen Gott im Himmel gäbe.
Dort, wo Welt ist, die wir
selber sind, und in der wir stehen und gehen und das Gute oder das Böse
tun.
Aber auf all das ist jetzt ein Schleier gelegt. Das große Welttheater
ist gleichsam ausgeblendet. Das ganze Licht fällt nur auf einen,
auf Christus, dem allein die "Macht gegeben ist über alle
Menschen".
Er spricht mit seinem Vater. Gott zu Gott. Nicht zwei Götter sprechen.
Sondern der einzige und wahre Gott, den wir den Dreieinigen nennen, weil
das Geheimnis nicht anders in Worte zu fassen ist -
ER, der Dreieinige, spricht zu sich selbst. Der Sohn zum Vater:
"Und nun, Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit,
die ich bei dir hatte, ehe die Welt war."
Hier wird erinnert an das, womit das Evangelium des Johannes beginnt:
"Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war
das Wort."
Das, was keine Kosmologie, keine menschliche Weisheit je ergründen
und erfahren wird, das ist hier in einem Satz gesagt:
Ehe die Welt war, war nur Gott, der Ewige, die strahlende Fülle seines
Glanzes, die unendliche Schwere seiner schöpferischen Macht.
Und auch die Urfrage aller Philosophie - warum überhaupt etwas ist
und nicht nichts - auch diese Frage findet hier eine Antwort:
"Alle Dinge sind durch das Wort gemacht."
Die Liebe, das Wort, der Geist,
die sind eins. Und die Liebe könnte gesagt haben:
"Es ist nicht gut, daß Gott für alle Ewigkeit allein
bleibt, ich will mir ein Gegenüber schaffen."
Und so schöpfte Gott aus seiner Fülle und seinem Glanz und
sprach: "Es werde Licht!"
Und dieses Licht durchflutete das ganze Schöpfungswerk und gab ihm
Sinn und Schönheit.
Und wenn im Menschen die Liebe erwacht, dann tritt der Glanz des göttlichen
Lichts in seine Augen und wir ahnen etwas davon, daß die Schöpfung
in ihrem Ursprung sehr gut war.
Aber sie ist nicht mehr sehr
gut. Das Licht ist gebrochen, ist verdeckt. Etwas Dunkles hat sich der
Welt bemächtigt. Die Mythen und Sagen aller Völker wissen darum.
Und nur in dieser bildhaft-symbolischen Sprache kann man davon reden.
Die Sprache der Wissenschaft kann darüber nichts sagen, sie reicht
nicht in die Tiefe der Dinge.
Aber nun sind wir bei Johannes 17, sind also auf der Höhe des Glaubens
und dürfen einen Blick tun in die Tiefe der Dinge, und diese Tiefe
hat einen Namen und ein Antlitz bekommen:
Jesus, der Christus - in ihm
und durch ihn und zu ihm hin ist alles geschaffen.
Und bevor er wieder zurückkehrt in die Fülle und in den Glanz
der Ewigkeit, spricht er zu seinem Vater: "Ich habe dich verherrlicht
auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegegeben hast, daß
ich es tue."
Wovon ist hier die Rede?
Noch einmal nehmen wir Johannes, Kapitel 1 zu Hilfe. Dort heißt
es: "Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt
und wir sahen seine Herrlichkeit, die Herrlichkeit des eingeborenene Sohnes
vom Vater, voll der Gnade und Wahrheit."
Ein seltsames Sehen und eine
seltsame Herrlichkeit ist das. Das Werk der Verherrlichung des Vaters
beginnt in einer Futterkrippe in einem Stall, im hintersten Winkel der
Welt.
Die Herrlichkeit liegt in schmutzigen Windeln, ein Kind wie alle Kinder
dieser Welt.
Es ist schwach und schutzlos, allem ausgesetzt, was einen Menschen bedrohen
und bedrängen kann.
Nirgends wird der Menschensohn zuhause sein.
Er ist auf der Flucht, er weint, er schwitzt Blut vor Angst, das Leben
würgt ihn, und er wird aufgehängt am Galgen.
Und sein letztes Wort - nach dem Evangelisten Markus - ist ein Schrei,
der Schrei des einsamen Menschen in seiner Gottverlassenheit.
Und in diesem letzten Schrei wird das Werk Jesu vollendet sein. Und darum
lautet das letzte Wort Jesu bei Johannes: "Es ist vollbracht!"
Markus zeigt den wahren Menschen, der leidet und stirbt von Mensch und
Gott verlassen.
Johannes zeigt den wahren Gott, der in völliger Souverenität
ins Leiden und ans Kreuz geht: Und er neigt sein königliches Haupt
und gibt in Freiheit sein Leben für die Welt dahin.
Und wenn wir jetzt beides zusammenhalten, liebe Freunde, den wahren Menschen
und den wahren Gott, dann bekommt alles, was unter diesem Himmel geschieht,
eine unendliche, unermeßliche Bedeutung.
Dann sind in diesem Menschen Jesus die himmlischen Kräfte in die
Erdenwelt eingebrochen. Dann ist die dunkelste Finsternis der Welt, die
scheußlichste Form des Leidens und Sterbens durchleuchtet vom Lichtglanz
des ewigen Wortes.
Dann unterscheidet Gott nicht mehr zwischen seiner Geschichte und unserer
Geschichte.
Dann blutet Gott in den Wunden der Gefolterten und gibt seinen Atem auf
im Röcheln der Gehängten. Verhüllt sich in die Tränen
der Menschen, in ihren Blutschweiß, ihre Einsamkeit, ihre Gottlosigkeit,
ihren Tod.
Ungeheuerlich ist diese Vorstellung. Unermeßlich die darin liegende
Verheißung.
Du bist nicht mehr allein, wird mir gesagt. Das Leben hat eine unendliche
Bedeutung.
Nichts geht verloren. Alles hat seine Würde, denn seit der wahre
Mensch sein "verlassen" schrie und der wahre Gott
sein "vollbracht" sprach - seither gibt es nichts zwischen
Himmel und Erde, was nicht auch Gott beträfe.
Auch in der letzten Verkümmerung
des Lebens steht das Ganze auf dem Spiel. Gott wird angetastet, wo dieses
Leben verletzt wird.
Und nun verstehe ich auch, warum Christoph Blumhardt, der große
Hoffende und sich nach dem Reich Gottes Sehnende, warum dieser Mann angesichts
von Johannes 17 in Verzückung fallen und ausrufen konnte:
"Der Zuversicht bin ich: Wir sollen es alle haben, ob wir es heute
fühlen oder nicht. Diese Macht des ewigen Lebens, die der Vater selbst
ist, umgibt uns mehr und mehr und geht zuletzt um die ganze Erde herum,
so daß viele Menschen - zuletzt Scharen - geboren werden, die erkennen,
daß Gott der Vater ist. Dann hören andere Wünsche auf."
Und nun folgt noch der Satz: "Ach, meine Lieben, wie brennt meine
Seele heute!"
Gott als den Vater erkennen,
dann hören andere Wünsche auf. Gott als den erkennen, der uns
nachgeht in die tiefste Verlorenheit und Gottlosigkeit und uns sucht und
findet und sei es erst im Tod.
Ahnen wir wenigstens von ferne, daß hier tatsächlich kein Wunsch
mehr offen bleibt? Daß hier alles Fragen zu Ende kommt und unsere
Seele zu brennen beginnt?
Daß wir inmitten des Erdenlebens schon vom ewigen Leben umfangen
sind.
"Das ist aber das ewige Leben, daß sie dich, der du allein
wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen."
Den wahren Menschen und den
wahren Gott in unserem Herzen zusammenhalten - das ist das ewige Leben.
Die einzige Kraft aber, die das kann, das ist die Liebe, der ewige Lichtglanz
Gottes, der in unsere Herzen ausgegossen ist.
Und deshalb faßt Jesus diese größte Tat des Herzens so
zusammen: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem
Herzen, von ganzer Seele und mit deinem ganzem Gemüte .... und deinen
Nächsten wie dich selbst."
Wo das geschieht, liebe Gemeinde,
da ist ewiges Leben. Und wo das nicht geschieht?
Wo unser Herz von anderen Wünschen besessen ist, wo unsere Seele
taub ist und unser Gemüt blind von Haß und Lüge und Ichsucht?
Was ist dann?
Ich weiß keine endgültige Antwort. Aber das eine: Dann ist
das Herz Gottes noch unendlich größer. Dann leidet und liebt
das göttliche Herz in unserem Herzen. Dann sucht und seufzt der Gottesgeist
in unserer Seele.
Und wir Menschen merken, daß die Außenseite des Lebens nicht
alles sein kann. Daß da etwas ist, größer als wir selbst,
uns jenseitig und doch uns am nächsten und innersten.
Daß da ein Glück für uns bereitet ist, das unzerbrechlich
und ewig ist. und daß alles Suchen nach irdischem Glück aus
der Sehnsucht nach dem ewigen geboren ist.
Es gibt wohl keinen Menschen, den diese Ahnung nicht wenigstens einen
Augenblick lang ergriffen hätte.
Wir klagen über unsere Jugend, weil sie in der großen Mehrzahl
mit Kirche und Glauben nicht mehr viel anfangen kann.
Aber ist sie nicht auf der Suche, auf der Suche nach Echtheit und Ganzheit,
auf der Suche nach sich selbst?
Warum sollen wir nicht glauben dürfen, daß hier Christus am
Werk ist, daß es sein Geist ist, der sie auf die Suche treibt?
Freilich, viele Menschen suchen an der falschen Quelle und laufen irgendwelchen
religiösen oder politischen Rattenfängern hinterher.
Aber da ist doch der Vater und er wartet geduldig auf die Rückkehr
seines Sohnes aus der Fremde. Und er wartet nicht nur. Seine Liebe begleitet
den Sohn bis zu den Säuen. Und diese Liebe ist es, die die verlorenen
Söhne und Töchter zurückzieht ins Vaterhaus.
Könnte uns das nicht etwas
gelassener machen im Blick auch auf das mangelnde Glaubensleben unserer
Kinder?
Gelassenheit wächst, wo wir nicht auf uns schauen, sondern auf Christus,
nicht auf die Erbärmlichkeit der Kirchen und nicht auf unseren Kleinglauben,
sondern auf die Herrlichkeit des eingeborenen Sohnes beim Vater.
Er hat das göttliche
Werk vollendet.
Der Lichtglanz der Ewigkeit ist ausgegossen bis hinein in die kleinste
Zelle.
Der Same des göttlichen Wortes ist in die Erde gelegt. Die Verwandlung
der Welt hat begonnen.
Für die Augen ist das
nicht zu sehen. Aber das Herz, das aus der Christusquelle schöpft,
sieht tiefer, weil es auf der Höhe des Glaubens und der Liebe steht,
die den wahren Gott und den wahren Menschen zusammenhält.
Mag auch der Augenschein uns beweisen wollen, daß es abwärts
geht mit der Kirche und mit uns Christen.
Mag auch das Antlitz der Welt
dem äußeren Anschein nach erstarrt sein in Gottesfeindschaft,
geschminkt mit dem Hochmut der Menschenweisheit und der Selbstgerechtigkeit
der Moralisten - Gott hat sein Geschöpf auch nicht einen Augenblick
lang aus seiner Hand gelassen.
Und die Welt, wie immer sie uns erscheinen mag, ist und bleibt Gegenstand
der Liebe und Treue Gottes.
Und wenn es auch manchmal so
aussieht, als ob Gott ganz schwiege, so wissen wir, der Sohn steht vor
dem Vater ein für die Welt, und seine Fürbitte arbeitet ruhig
weiter bis zum Ende der Tage, da die Herrlichkeit Gottes auch für
unsere Augen sichtbar wird.
Amen
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